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17. Wave-Gotik-Treffen
09. - 12. Mai 2008
Notizen von Marcus Stiglegger
Wenn sich an Pfingsten jährlich an die 20000
Menschen in Leipzig einfinden, um die verschiedenen Aspekte der sinsiten
Subkulturen zu feiern, kann man vor allem von einem Umstand ausgehen:
Das jeder Besucher sein ganz eigenes Festival erlebt. Und das ist eine
erstaunliche Qualität dieses monumentalen Events: Zum 17. Mal spielten
fast 150 Bands auf, um den Beweis anzutreten, dass der Underground lebt
- und die aufregendsten Pflanzen gedeihen lässt...
Samstag, 10.5.2008
Die große Kuppelhalle auf dem Messegelände ist
zum großartigen Spielort für akustisch orientierte Musiker
geworden, die auf der zentralen Rundbühne ihre akustischen Klänge
u.a. mit natürlichen Hall voll entfalten können. Zudem ist die
Performance von den meisten Plätzen des Raumes aus bestens einsehbar.
An diesem offiziell zweiten Tag des Festivals eröffneten die legendären
britischen Elektroniker von In the Nursery
den Reigen mit einer Live-Vertonung von Carl Theodor Dreyers Filmklassikers
DIE PASSION DER JEANNE D'ARC - einem der möglicherweise besten Filme,
die je gedreht wurden. In intensiven Nahaufnahmen konzentriert sich der
Stummfilm auf die Verhandlung und die Exekution der vermeintlichen Ketzerin,
die später zu Heiligen erklärt wird. Als verteidigender Mönch
ist der Theatertehoretiker und Performer Antonin Artaud zu sehen. Die
bereits nachmittags gut gefüllte Halle durchwehte ein Schauer, wenn
Jeanne in Tränen den Flammentod stirbt, während die Musik mit
hypnotischen Rhythmen, sakralen Flächen und gelegentlichen conrete-Sounds
das Geschehen dramatisiert. Bereits hier: Ein überwältigender
Höhepunkt des Festivals - und der Beweis, dass ein 80 Jahre alter
Film seine Wirkung noch immer voll entfalten kann.
Die britische Folkrockband Naevus
schloss mit einem souveränen und lockeren Set an, das die in den
letzten Jahren etwas vernachlässigten akustischen Akzente wieder
mehr herausarbeitete. Industriallegende John Murphy, sichtlich ergraut,
spielte mit gewohnter Lässigkeit die mitreißenden Drums. Und
das sollte nicht sein letzter Auftritt bleiben... Murphy ist heute so
etwas wie der allgegenwärtige 'Söldner' der apkoalyptischen
Musik (von Death in June bis Knifeladder).
Ein positive Überraschung bot die britischen Apocalyptic-Folk-Formation
While Angels Watch um den grummelig vortragenden
Sänger Dev. Geboten wurde - wie erwartet - mitreißender und
gelegentlich deutlich handgemachter Up-Tempo-Folk. Das Projekt stammt
noch aus den 1980er Jahren und bot altes und neues Material. Man kann
auf zukünftige Auftritte gespannt sein. Die parallel erschienene
CD mit altem Material weiß zumindest zu überzeugen.
Andrew King ist der klassische
Barde des Neofolk, und in seinem Soloauftritt mit John Murphy an den Drums
entfaltete er sein Moritaten-Konzept nachvollziehbar, wenn auch gelegentlich
schräg - aber das sei angesichts seines Genres verziehen. Sein Konzept
wurde auf jeden Fall gewürdigt.
Ebenfalls legendär ist die Post-Punkband Joy
of Life aus den 1980er Jahren, deren frühes Album 'Hear the
Children' auf Death in Junes NER-Label erschienen war. Sänger Gary
trat mit den Musikern von While Angels Watch als Band auf, es gelang ihm
aber kaum, den früheren Charme wieder zu beleben: Zu unbeholfen wirkte
alles, zu improvisiert, die Texte abgelesen, die Drums aus dem Rhythmus.
Man wird noch hart arbeiten müssen, um wirklich ein Revival zu erleben...
Eigenwillig erschien auch der harte Schamanenrock von Knifeladder,
einer Band von John Murphy und Andrew Trail. Jeder Song wurde angekündigt,
als wäre es ein Media-Control-Hit, einer folgte dem anderen, doch
so richtig wurde das Konzept leider nicht klar. Schwierig, wenn auch energetisch.
Und zum Abschluss boten In the Nursery
noch einmal ihren Soundtrack, was zu später Stunde noch einmal den
Saal fast füllte. Eine gepflegte Folk- und Industrial-Disco rundete
den Abend ab.
Sonntag, der 11.5.2008
M. Howden
Die Krypta des Völkerschlachtdenkmals ist wohl einer
der spannendsten und schönsten Konzertorte des Festivals, und es
gereicht dem Violinenvirtuosen Matt Howden
zur Ehre, dort vor vollem Haus spielen zu dürfen. Zu frenetischem
Applaus bot er seine durchweg live eingespielte, mit vielschitigen Loops
konstruierte Ein-Mann-Show. Bewundernswert, berührend. Howden spielt
und singt von Mal zu mal besser - was bei 1300 Konzerten auch kein Wunder
ist. Neben In the Nursery kann Matt Howden als zweiter Höhepunkt
des Festivals gelten.
Anenzeph.
Derweilen hatte im abgelegenen Anker bereits das Tesco-Festival
begonnen, das mit Anenzephalia einen paradigmatischen
Topact bot: zermürbende Drones, aggressive Noise-Flächen, pulsierende
Rhythmen und ein fatalistischer Sprechgesang ergänzten sich mit den
Paranoia-Impressionen auf der Leinwand zu einem mitreißenden Power-Electronic-Konzert,
das vom Publikum voll gewürdigt wurde.
Die nachfolgenden Operation Cleansweep
zogen die Schrauben schließlich noch einmal mehr an und boten autoritären
und fast brutalen Power-Noise.
Nephilim
Ausklingen konnte der Abend mit dem langerwarteten Konzert
einer der legendärsten Szeneband überhaupt: Fields
of the Nephilim haben sich um Sänger Carl McCoy neu formiert,
um ein monumentales Gothic-Rock-Konzert der Meisterklasse zu bieten. Fast
5000 Zuschauer ließen sich von alten wie neuen Songs begeistern,
und "Dawnrazor" oder "Last Exit for the Lost", die
in alter Frische erklangen und mit McCoys charakteristischer Grabesstimme
perfekt dargeboten wurden, trieben einigen Old School-Goths die Tränen
in die Augen. Ein wundervolles und bewegendes Erlebnis. Und ganz einfach
ein großartiges Rockkonzert von Weltformat.
Montag, der 12.5.2008
Noch einmal sollte die Kuppelhalle zum Schauplatz veritabler
Ritualmusik werden. Der Abend begann mit einem extrem theatralischen Auftritt
der deutschen Neofolk-Formation Barditus,
die sächsische Traditionspflege mit großem Pathos vermittelten.
Die Resonanz war gemischt, lediglich ein harter Kern hatte sich vor der
Bühne eingefunden.
Voxus
Erstaunlich dagegen erschien der zweite Auftritt der deutschen
Ritualband Voxus Imp. auf dem WGT: Mit einem
neuen Vokalisten und einer Menge pyrotechnischen Effekten feierte man
ein nordisches Ritual, das so manchen in seinen Bann zog. Vor allem die
neue Stimme erschien erfrischend.
Amodali
Ebenfalls mit Spannung erwartet wurde das Comeback der früheren
Sixth Comm/Mother Destruction-Sängerin
Amodali, die nach der Trennung von ihrem
ehemaligen Partner Patrick Leagas nun mit einer der gemeinsamen Töchter
auftrat. Zu technoschamanischen Runenvideos und gnostischen Mustern auf
der Leinwand invozierte sie die Große Göttin, untermalt von
repetitiven Technobeats und vereinzelten handgespielten Rhythmen. Etwas
problematisch erschien die gleichzeitige Bedienung von Laptop, Effektgeräten
und Textblättern für die noch immer charismatische Sängerin.
Bei ihrem absoluten Überhit "Mithras" kam es zur technischen
Panne, so dass der Elektrobeat von ihrer Tochter komplett mit der Schamenentrommel
gespielt wurde - und ich hätte mir gewünscht, das ganze Konzert
hätte so geklungen: roh, rituell, authentisch. Insgesamt aber ein
erfreuliches Wiedersehen. Feht noch der Ex-Mann mit seinem Comeback...
Genesis P-Orridge, der bizarre Front-'Mann' von Psychic
TV, sorgte für eine weitere Üebrraschung. Im psychedelisch
bunten Outfit trat er mit neuer Band auf und bot Psychedelicrock von feinster
Velvet Underground-Tradition. Zu Videos seiner biologischen Geschlechtsumwandlung
entfaltete sich ein Charisma, das sich vor der legendären Vergangenheit
nicht zu verstecken braucht. Das Publikum wusste es zu würdigen.
Ein gelungener Anschluss...
***
Für :Ikonen:-LeserInnen dürfte von Interesse gewesen
sein:
32 Crash (B) - Amodali vs. Mother
Destruction (GB) - Andrew King (GB) - Anenzephalia (D) - Artifact
(N) - Ashbury Heights (S) - Asrai (NL) - Autumn (NL) - Axel Thielmann
(D) & Tilo Augsten (D) - Ayin Aleph (F) - Bacio Di Tosca (D) - Bahntier
(I) - Barditus (D) - Battlelore (FIN) - Beati Mortui (FIN) - Bloodsucking
Zombies From Outer Space (A) - Blutengel (D) - Capella Fidicinia (D) -
Cauda Pavonis (GB) - CD 1334 (USA) - Chamber & Orchester (D) - Christian
Death (USA) - Christian Von Aster (D) Lesung - Clemens-Peter Wachenschwanz
(D) Todernste Unterhaltung am Klavier - Collection
D'arnell Andrea (F) - Corvus Corax (D) - Covenant (S) - Cyborg
Attack (D) - Dandelion Wine (AUS) - Das Ich (D) - Days Of Fate (D) - Dead
Guitars (GB) - Deathcamp Project (PL) - Der Fluch (D) - Des Teufels Lockvögel
(D) - Deviant UK (GB) - Diablo Swing Orchestre (S) - Die Krupps (D) -
Din(a)tod (D) - Dirty Weather (USA) - Dismal (I) - Drachenflug (D) - Dragons
(GB) - Dudelzwerge-Blendwerk (D) - Dunkelschön (D) - Elis (FL) -
End Of Green (D) - Escape With Romeo (D) - Esplendor
Geometrico (E) - F.O.D. (D) - Faun (D) -
Fields Of The Nephilim (GB) - Filia Irata (D) - Fliehende Stürme
(D) - Folkstone (I) - Götterdämmerung (NL) - Gerechtigkeits
Liga (GB) - Goja Moon Rockah (D) - Gothic Logic (J) - Gothika (J)
- Gothminister (N) - Greyhound (D) - Hocico (MEX) - In Mitra Medusa Inri
(D) - In The Nursery (GB) Musik zu einem Film (Europapremiere)
- Inade (D) - Inertia (GB) - Ingrimm (D) - Irfan (BG) - Jacquy
Bitch (F) - Jäger 90 (D) - Jesus On Extasy (D) - Job Karma (PL) -
Joy Of Life (GB) - Kivimetsän Druidi
(FIN) - Kloq (GB) - Knifeladder (GB) - Lost
Area (D) - Lake Of Tears (S) - Lavantgarde (D) - London After Midnight
(USA) - Love's Labour's Lost (D) - Marsheaux (GR) - Menticide (S) - Mesh
(GB) - Metallspürhunde (CH) - Militant Cheerleaders On The Move (S)
- Miss Construction (D) Bühnenpremiere - Morian (FIN) - Murkeley
(D) - Nachtmahr (A) - Nachtwindheim (D) - Naevus
(GB) - Necessary Response (A) - Neuroticfish (D) Der Letzte Walzer
- New Days Delay (D) - Noblesse Oblige (D) - Noisuf - X (D) - Northborne
(N) - Nullvektor (D) - Ohrenpeyn (D) - Onetwo (GB) - Onyx Eyes (D) - Operation
Cleansweep (D) - Oswald Henke & Markus Förster (D) Schauspiel
"ZeitenWände" - Other Day (D) - Pankow
(I) - Paradise Lost (GB) - Persephone (D) - Portion Control (GB)
- Postscriptum (N) - Predella Avant (NL)
- Prospective (D) - Psychic TV (GB/USA)
- Quellenthal (D) - Ragnarök (A) - Reaper (D) - Red Emprez (PL) -
Rezurex (USA) - S.P.O.C.K. (S) - Saltatio Mortis (D) - Samsas Traum (A)
- Santa Hates You (D) - Schallfaktor (D) - Secrets Of The Moon (D) - Sieben
(GB) - Signal Aout 42 (B) - Sigue Sigue Sputnik (GB) - Solar Fake
(D) - Spectra*Paris (I) - Spetsnaz (S) - Star Industry (B) - Stellar Corpses
(USA) - Stoneman (CH) - Straftanz (D) - Suicidal Romance (EST) - Tactical
Sekt (USA) - Tarja (FIN) - The Arch (B) - The Beautiful Disease (D) -
The Beauty Of Gemina (CH) - The Moon And The Nightspirit (H) - The Old
Dead Tree (F) - The Other (D) - The Skeletal Family (GB) - The Spook (D)
- The Superheroines (USA) - The Veil (F) Deutschlandpremiere - TheaterPACK
(D) Schauspiel - Tiamat (S) - Tragic Black (USA) - Trail Of Tears (N)
- Transit Poetry (D) - Tristania (N) - Trobar De Morte (E) - Unheilig
(D) - Voxus Imp. (D) - Welle:Erdball (D)
- Weltenbrand (FL) - While Angels Watch (GB)
- Wieland Lemke (D) & Ayako Tanaka (J) Liederzyklus für Bariton
und Klavier - Wolfenmond (D) - Xotox (D) -
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