Birthe Klementowski

Stille||Silence Euthanasie in Hadamar 1941-1945
Musik von Vortex

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Hrsg. Marcus Stiglegger

CD, 4 Tracks in einem gebundenen Mediabook
:ikonen: media / Bertz & Fischer

Vortex, bzw. Marcus Stiglegger, hatte vor etwas einem Jahr sein Debutalbum „Phanopoeia“ veröffentlicht. Diese CD war bereits von bemerkenswerter Qualität und zeigte seine Talent in abstrakter Form ein Themengebiet zu erfassen und aural zu vermitteln. Birthe Klementowski ist im Post-Industrial Bereich ebenfalls keine unbekannte, so hat sie bereits an der Gestaltung einiger Veröffentlichungen speziell aus dem COLD MEAT INDUSTRIES Umfeld mitgewirkt. Sie ist autodidakte Fotografin und ebenfalls versiert darin, konkrete Formen zu abstrahieren und damit gezielte Assoziationen beim Betrachter auszulösen, was unter anderem ihre beeindruckenden Pflanzenbilder im Jahrbuch „Der erotische Blick“ deutlich machen.

Beide Künstler sind deutlich von dunkler Kraft und einem eher melancholischen Weltbild geprägt, doch was im Rahmen ihres Projektes „STILLE“ auf den Betrachter beziehungsweise den Zuhörer einwirkt ist noch einmal ein ganzes Stück unangenehmer und mit Sicherheit eines der beklemmendsten Bild- und Tondokumente der vergangenen Jahre.

Die beiden widmen sich auf dieser Veröffentlichung dem Themengebiet der Euthanasie, im direkten Bezug auf das T4-Programm der Nationalsozialisten, bei dem unzählige Menschen, die dem primitiv-elitären Menschenbild der Machthaber nicht gerecht werden konnten, auf vielfältige Art und Weise zu Tode gebracht wurden.

Eine der wichtigsten Lokalitäten dieses Programms war die Psychatrische Klinik auf dem Mönchberg in Hadamar. In keiner anderen Anstalt wurden soviele Menschen ermordet. Die morbid-destruktive Zerstörungswut allen dessen, was sich ausserhalb der reaktionären, infantilen Ideologie Adolf Hitlers und seiner Untergebenen bewegte, wurde hier radikal ausgelöscht. So fielen der Euthanasie nicht nur geistig Behinderte oder psychotisch Veranlagte Personen zum Opfer, es wurden sogar Kriegshelden, die an dem litten, was man heute Posttraumatische Belastungsstörung nennt, getötet. Dieses in seiner Perfidität kaum noch begreifbare Verbrechen wird hier von Frau Klementowski und Herrn Stiglegger als Inspiration für ein Kunstwerk genommen, das gezielt zur Aufklärung, und gegen das Vergessen wirken soll.

Die junge Fotografin hat den Ort des Schreckens besucht und dort eine Reihe sehr beeindruckender Fotografien erstellt. Ihr ist es gelungen in den kalten Räumlichkeiten und Objekten, die sie in körnigen Schwarzweißbildern ablichtete, etwas Greifbares, Emotionales zu aufzuspüren und dies dem Betrachter zu vermitteln. Während man die Fotos ansieht und die korrespondierenden Texte von Zeitzeugen liest, kommt bereits eine ganz unangenehme Stimmung im Betrachter auf. Weniger Schuld oder indirekte Betroffenheit, als tiefe Erschütterung und das Wissen darum, dass ausser dem Menschen kein anderes Wesen zu solchen Taten in der Lage ist. Die Motive der Fotografin zeigen in beinahe brutaler Art und Weise, wie sich aus etwas Banalem, wie Kacheln und Sanitäranlagen etwas zusammenfügt, das Teil einer Maschinerie war, wie sie menschlicher und grausamer nicht sein konnte. Der fotografische Teil alleine wäre den Kaufpreis schon wert.

Um das ganze noch weiter zu verdichten, als wollte er dem Rezipienten ein erdrückendes Gewicht auf die Schultern laden, hat Marcus Stiglegger mit seiner Musik die perfekte Untermalung geschaffen. Ungewöhnlich melodisch zum einen und vollkommen auf Einzelgeräusche reduziert zum anderen, schafft er einen Sog der Verzweiflung, der den Hörer direkt erfasst. Die Gestaltung der Geräusche ist schlicht fantastisch, bei einigen Flächen zwängt sich geradezu die Assoziation auf, als würde es sich um das Ausströmen von Gas, wie in Zeitlupe, handeln. Schweres Atmen, das Tropfen von Wasser und bisweilen auch kleine Klavierparts greifen ineinander und verwehren einem jede Distanz zur Thematik. Ebenfalls für sich alleine schon Grund genug, dieses Werk zu besitzen.

Alles in allem hat man es hier wirklich mit einer Ausnahmeerscheinung zu tun. Von der hochwertigen Aufmachung des Buches bis hin zum nahtlosen Zusammenspiel von Bild und Ton handelt es sich hierbei um eine der beeindruckendsten Veröffentlichungen der letzten Jahre. Man benötigt zwar wahrlich eine starke Konstitution, um sich dem ganzen Werk in einer Sitzung auszusetzen. Aber der Ansatz, durch das Zusammenwirken zweier Medien den Tod zigtausender Menschen emotionaler und hautnaher vermitteln zu können, als es ein Medium alleine für sich könnte, ist voll und ganz geglückt. Es lässt sich nicht viel mehr darüber sagen, ein heftiges, kantiges und wichtiges Dokument.

Daniel Novak