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Christian Keßler
Die läufige Leinwand
Der amerikanische Hardcorefilm von 1970 bis 1985
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280 Seiten, gebunden, farbige Abbildungen
ISBN 978-3-927795-56-3
Euro 29.80
Der pornografischer Film der 1970er Jahre erscheint
heute - in der Ära von gonzo und Internet geradezu als Kunstform.
Der Pornofilm ist eigentlich mit der Entstehung des Kinos aufgekommen,
fristete jedoch zunächst eine Existenz im Verborgenen, in der Dämmerung
von Herrenclubs, Bordellen und Privatparties. Diese frühen sog. Stagfilms
entsprachen bis in die frühen sechziger Jahre hinein weitgehend einer
dürftigen Form: schmalformatig gedreht, schwarzweiß, stumm
oder mit asynchronem Ton. Die Einführung des Production Codes in
den USA verbannte dort die Existenz dieser Filme vollends ins Halbweltmilieu.
John Byrums Drama NAHAUFNAHME (1971) zeichnet ein lebendiges Bild dieser
Epoche. Erst die frühen Filme etwa von Russ Meyer, die „Nudies“,
erlaubten in den fünfziger Jahren wieder einen voyeuristischen Blick
auf den nackten Körper.
In den skandinavischen Ländern wurden Ende der sechziger
Jahre erstmals Pornofilme legalisiert. So konnte sich dieses dezidierte
'Erwachsenen-Genre‘ auch im Kino ausbreiten. Mit dem großen
kommerziellen Erfolg der amerikanischen Porno-Komödie DEEP THROAT
(1972) von Gerard Damiano konnte auch dort eine umfassende Porno-Industrie
entstehen. Weitere einflußreiche Klassiker waren Damianos makabre
Komödie THE DEVIL IN MISS JONES (1972), das psychedelische Traumspiel
BEHIND THE GREEN DOOR (1973) von den Mitchell-Brüdern sowie das atmosphärische
S&M-Drama THE STORY OF JOANNA (1975), ebenfalls von Damiano inszeniert,
in dem der seltene Fall eines homosexuellen Männeraktes in heterosexuellem
Umfeld zu sehen ist.
Bald hatten sich im amerikanischen Kino Porno-Stars etabliert
– Linda Lovelace, Harry Reems, Georgina Spelvin, Marilyn Chambers.
Ihre Namen stehen für eine längst vergangene Ära - die
der Filmjournalist Christian Keßler in seinem langerwarteten Buch
als 'Die läufige Leinwand' bezeichnet. Er widmet sich in seinem Buch
diesem übel beleumundeten Genre und begegnet vielen spannenden und
mitunter eigentümlichen Vertretern dieser Gattung, die beredtes Zeugnis
ablegen von einer Zeit, die nach anderen Vorstellungen lebte.
Keßlers attraktive Mischung aus Nachschlagewerk und
Interviewband bietet amüsante wie informationsreiche Rezensionen,
ebenso intime wie aufklärerische Gespräche mit den Stars von
gestern und eine Unzahl von Werbematerialien, die absonderliche Strategien
offenbaren. Teilweise werden sie gar in Farbe reproduziert. Warum einige
Klassiker wie DEEP THROAT, WATER POWER oder FORCED ENTRY keine eigenen
Einträge haben, ist rätselhaft. Erwähnt werden sie häufig.
Dafür findet man eine Menge an Entdeckungen, etwa William Lustigs
VIOLATION OF CLAUDIA oder Abel Ferraras NINE LIVES OF A WET PUSSY. Ärzte-Drummer
Bela B. Felsenheimer hat ein persönliches Vorwort dazu verfasst.
Wie viele Bücher aus dem Martin Schmitz-Verlag
ist auch dieses bibliophil und sorgfältig produziert, in festem Einband
und auf Crema-Papier (was leider den Fotos nicht immer schmeichelt). Von
der dezenten Covergestaltung sollte man sich nicht irritieren lassen:
Wie Keßlers Texte ist das ganze Buch überbordend und höchst
originell. Für den devianten Cineasten ein Muss.
:ms:
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