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Felix Philipp Ingold
Alias. oder das wahre Leben

Matthes & Seitz Berlin 2011
330 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-88221-553-3
22,90 Euro
Das schwarze Leseband liegt wie ein Trauerflor zwischen
den weißen Seiten des Buches. Schon beim ersten Öffnen von
„Alias. oder das wahre Leben“ dringt eine gewisse Beklemmung
aus dem Werk. „Der grausamste Monat ist der April, er ist aber auch
der lächerlichste, der lieblichste. Nicht anders – also wie
üblich – war’s im Kriegsjahr 1942.“ – bereits
der erste Satz des ersten Kapitels „Waffengang“ bestätigt
diesen Eindruck. „Alias“ erzählt von den menschlichen
Untiefen, jedoch nicht in ihrer Außergewöhnlichkeit, sondern
in ihrer Alltäglichkeit.
Der Autor Felix Philipp Ingold ist ein Workaholic. Neben
seiner Tätigkeit als Universitätsprofessor in St. Gallen hat
er ein schier unüberblickbares literarisches Werk geschaffen und
dazu noch als Übersetzter von russischer und französischer Literatur
gewirkt. Nun ist er fast siebzig Jahre alt und hat mit „Alias“
ein großes und bewegendes Buch geschrieben. Es erzählt die
Geschichte von Carl Berger, alias Kirill Bergerow, einem Wolgadeutschen,
den Ingold kennen gelernt und interviewt hat. Es soll die Geschichte eines
„wahren Lebens“ sein – soviel verspricht der Untertitel
– und in der Tat, in Ingolds kunstvollem Arrangement aus Erzählung,
Nacherzählung und Zitat schimmert etwas, das diesen Zusatz verdient.
Allerdings liegt dieses „Wahre“ weniger in Bergers individueller
Biographie, sondern in ihrer Allgemeingültigkeit. Seine Erfahrungen
aus dem 2. Weltkrieg, der Bericht über die Befreiung des KZs Mauthausen
oder seine Tätigkeit als Schriftsteller in der Sowjetunion erzählen
nicht nur Bergers Geschichte, sondern vom menschlichen Leben insgesamt.
Berger ist ein Mörder – im Roman sagt er das von sich selbst.
Er hat im Krieg getötet, auch in Momenten, in denen dazu keine unmittelbare
Notwendigkeit bestand. Und dennoch, es wäre zu einfach Ingolds 1993
verstorbenen Protagonisten voreilig zu verurteilen. Sein Leben ist in
die Dialektik des 20. Jahrhunderts eingeschrieben, so wie er im Krieg
Gewalt angetan hat, wird er selbst zum Opfer im sowjetischen Gulag. KZ
und Gulag – diese Orte haben nicht nur eine prägende Bedeutung
für Bergers Leben, sondern sind, wenn man Giorgio Agamben glauben
schenken will, das Paradigma der Moderne.
Ingold macht in seinem Buch nicht den Fehler Schuld und
Unschuld seines Helden gegeneinander aufzuwiegen, sondern gibt das wieder,
was ihm erzählt wurde. Mit behutsamer und tastender Sprache nähert
er sich seiner Figur. Berger oder Bergerow, dessen Heimat- und Identitätslosigkeit
sich schon im zögerlichen Schwanken zwischen den beiden Namen manifestiert,
begegnet uns als Getriebener, fast wie ein russischer Doppelgänger
Meursaults, jener tragischen Gestalt aus Albert Camus’ „Der
Fremde“. Und genau wie Meursault ist auch Berger ein Prototyp der
Moderne und auch er wird am Schluss alleine sterben.
„Alias. oder das wahre Leben“ ist somit nicht
nur ein großartiger Roman und Nekrolog auf einen Zeitzeugen der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern auch eine allgemeine
Erzählung vom Menschen. Das Buch endet gemäß dem Titel
des letzten Kapitels mit einem Album. Schwarzweißphotographien unklarer
Provenienz illustrieren Episoden aus Bergers ereignisreicher Biographie.
Sie formen jedoch auch ein anonymes Bildgedächtnis, wirken seltsam
vertraut und machen deutlich, dass das 20. Jahrhundert vor allem ein visuelles
Jahrhundert war. Beim Betrachten der Bilder bleibt noch der letzte elegische
Satz des Buches im Gedächtnis: „Soweit die wahre Geschichte.
Jetzt müsste sie bloß noch erfunden werden.“
Von Matthes & Seitz gewohnt hochwertig gestaltet,
darf sich „Alias“ schon ex ante in die Nische der wirklich
großen Erzählungen einreihen. Die Bestätigung lies dann
auch nicht lange auf sich warten und so schaffte es Ingolds Buch bis auf
die Shortlist des Schweizer Buchpreises – gewonnen hat am Ende zwar
ein anderes Buch, aber ob das Teil der „wahren Geschichte“
ist, muss erst noch erwiesen werden.
Patrick Kilian
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