Sol Invictus

Lex Talionis

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(Prophecy/Auerbach 2011) CD

In A Garden Green

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(Prophecy/Auerbach 2011) 2 CD

Aus der Frühphase von Sol Invictus ragt die okkult inspirierte Platte "Lex Talionis" als dunkler Monolith heraus: Mehr 'gothic' als alle anderen Alben, vereint 'Lex Talionis' finsteren Post-Industrial mit rohem englischem Traditional Folk. Dieses Werk erneut genießen zu können (und zudem mit rarem Bonusmaterial) ist ein Privileg...

Zusammen mit Ian Read (Fire and Ice), Leithana (Ordo Equitum Solis) und Karl Blake (Lemon Kittens) formulierte Sol Invictus hier eine aggressive wie melancholische Absage an die entspiritualisierte und materialistische Welt des Hyperkapitalismus und setzt schmerzvolle Hymnen gegen die beginnende Spaß- und Partykultur der frühen 1990er Jahre.

Nach dem Piano-Intro "Blood and Wine", das sich auf den katholischen Ritus bezieht, wird mit "Lex Talionis" die Programmatik entfaltet: Untermalt von sägendem Noise beschwört es die "Raubtiernatur des Menschen" (Oswald Spengler): "But bird of prey in your eyes is where our future lies". "Black Easter" ist die ultimative Gothic-Hymne und noch heute ein atmosphärischer Tanzflächenfüller: Eingleitet durch Samples aus Jacques Tourneurs NIGHT OF THE DEMON wird hier der 'Tod Gottes' beschworen: "Hear the chants of old powers, the weak fall on their swords". Mit der Wiederkunft der heidnischen Kräfte kann endlich der Sommer einziehen. Ein unsterblicher Klassiker der apokalyptischen Folkmusik, selbst wenn Tony Wakeford immer wieder betonte, wie ironisch das doch gemeint sei. Die pure Kraft der Liedes spricht für sich.

In "Kneel to the Cross" geht die Anklage an das Christentum folkig weiter, bis man sich in "The Ruins" in den Resten der vergangen Kultur trifft, um eine neue Gemeinschaft auf Ruinen zu gründen. Der heidnische Dies Irae mit "Tooth and Claw" reinigt die Erde mit Blut: "The law of the strong / And the joy of the world". Spätestens hier dürfte es dem aufgeklärten Humanisten zuviel werden, denn "Blood Against Gold" geht den nächsten Schriftt und setzt Spiritualismus and die Stelle des Materialsmus: "In this soulless age of broken dreams / But from the shadows, an accusing scream".

Solitär bleibt "Fields", ein melancholisches Stück über die verheerende Katastrophe, die der Bombenkrieg des Zweiten Weltkrieges über England und Deutschland gebracht hatte. Die Zeile "No more wars amongst brothers" war des Öfteren Anlass für eine ideologische Kritik an Sol Invictus, dabei schließt die Perspektive auf Engländer und Deutsche als 'Brüder' nicht notwendigerweise den Rest der Welt aus.

Das pessimistische Liebslied "Abattoirs of Love" kündet von der Unmöglichkeit wahrer Liebe (wobei auch Wakeford diese inzwischen gefunden zu haben scheint). Neben dem traurigen Prolog von Ian Read bleibt Wakefords Klage lange im Ohr: "Love is tune for fools - for fools."

Noch einmal wird es kämpferisch in "Heroes day", einer nordischen Hymne über die Unsterblichkeit der gefallenen Krieger, die auch heute weiterleben, wenn man sie würdigen würde. Typisch englisch die Analogie zum Fußball: "When two elevens meet, we shall think of you". Auch dieses Stück ist von Gothic-Tanzflächen eigentlich nicht wegzudenken mit seinem hämmernden Marschbeat und treibenden Gitarren. Es wurde inzwischen neu vertont von While Angels Watch ("Sol Lucet Omnibus") und :Golgatha: ("Kydos").

In dem Epilog "Rex Talionis" liegt übrigens eine deutlich eAbsage an eine Sympathie mit faschistoiden Positionen: "And eagles stand at history's gates / Symbols of nature's beauty and crimes of states." Deutlicher kann die Abgrenzung der eigenen heidnischen Position zum Sozialdarwinismus materialistischer Faschismen des 20. Jahrhunderts kaum formuliert werden.

Die Bonustracks können als kleines Kuriositätenkabinett verstanden werden: Von der raren Vinly-version (Box mit Current 93 und NWW) stammt eine alternative Version von "Abattoirs of Love" mit zusätzlichem Intro. Vom Original-DAT kommt "The Hammer of the Anvil", wo man den ursprünglich geplanten Stil hören kann: Keybords und Drumcomputer... Die Maxi-Version von "Fields" und der kurze Mix von "Abattoirs of Love" runden diese großartige Wiederauflage ab.

Außerdem liegt "In a Garden Green" erneut vor, eine der reifsten und neoklassischsten Veröffentlichungen der Band von 1999, produziert mit massivem Einfluss von Matt Howden (Sieben), Eric Roger (Gae Bolg) und Tor Lundvall, einem amerikanischen Ambientmusiker, der auch für die Artworks verantwortlich war. Auch hier dominiert eine apkalyptische Grundstimmung, jedoch bedient man sich einer erheblich differenzierteren Anzahl von Mitteln: weiblicher Vocals, rhythmische Streicher, Flöte, Trompete usw. Es bleibt inhaltlich ein Klagegesang auf Europa, so dass der Titel des ersten Tracks programmatisch erscheint. Hier klingt noch "A Ship is buring" von 'Against the Modern World' nach. Auch christliche und lateinische Elemente kommen vor ("Ave Maria", "O Rubor Sanguinis"), werden an die Stelle der früheren heidnischen Ikonografie gesetzt. Nun sind es eher Angels als Demons, die Wakefords geist plagen.

"Come the Morning" kündet von einer latenten Melancholie angesichts der Unberechenbarkeit der Welt ("Come the morning / In the dawning light / Such crimes and stories / Such wondrous sights"). Andere Texte sind voll von Respekt und Liebe ("Song of the Flower") für die "Königin" (Gaia?). Die umfassende Melancholie nimmt im Titelsong "In a Garden Green" einnehmend Gestalt an.

Eine absolute Hymne für nonkonfrome Zeitgenossen ist "No One" mit dem verführerischen Refrain "No one believes what we see / No one believes what we believe" und Matt Howdens Streicher-Rhythmus. Hier kommen auch die heidnischen Wurzeln erneut durch ("With our Lady, and Balder and Thor"). Und "Europa Calling" mit dem verzerrten Intro kehrt zum kämpferischen Geist zurück, auch wenn ein pessimistischer Blick bleibt: "Dead winters / Dead summers / Dead buglers / dead drummers / Europa Calling".

Da dieses Album auch live aus Sol Invictus' fruchtbarster Phase stammt, ist es erfreulich, dass als Bonus eine Live-CD von 1999 beigelegt wurde: Live in Villeurbanne. Neben diesem Album wurden Klasiker ("Media", "Fields", "Against the Modern World" und "Death of the West") geboten, die in gelungener Aufnahme vorliegen. Ein schönes Extra, wenn auch das Album selbst die Anschaffung bereits wert ist. Ein großes Werk europäischer Folkmusik.

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